Das Schweigen der Schatten – Mosaik einer Suche

Text © Christiane Schwarze | Fotos © Eva Batt


AutoverladEs war für uns beide das erste Mal, dass wir per Autoverlad einen Tunnel durchquerten. Kleine Lampen schummerten an den Seitenwänden, ohne die Umgebung zu erhellen. Über uns lasteten Felsen, unter uns ratterte und ruckte der Waggon, der uns huckepack durch die Dunkelheit trug. In dieser Düsternis konnten wir nichts anderes tun, als zu hoffen, dass die Röhre uns nicht gefangen halten, sondern gen Licht führen würde. Wir mussten auf die Künste der Baumeister vertrauen!
So wie auch der Kanton Wallis und artbellwald.ch unserem Duo – im Vertrauen darauf, dass unser länderübergreifendes musikalisch-literarisches Projekt ein ordentliches Stück vorankäme im Geburtskanal des künstlerischen Schöpfungsprozesses – eine Künstlerwohnung und ein Atelier zur Verfügung stellten und uns durch großzügige Förderung aller Lasten des Alltags enthoben.

Das Smartphone hatte für unsere Ankunft Regen angekündigt. Jedoch strahlte die Sonne zur Begrüßung genauso freundlich wie die Geschäftsführerin des Vereins, Madelone Spinner.
Wie viel Mühe man sich bei Ausstattung von Atelier und Wohnung gemacht hatte, zeigte sich an der Vielzahl der Details, an die gedacht worden war. Es möge uns nachgesehen werden, dass wir nicht alle aufzählen, obwohl jedes einzelne davon ja Zeichen des aufmerksamen Kümmerns ist: Zusatzdecken, Wärmflasche, Regenschirm, Adapterstecker … Nicht zu vergessen der ausgesprochen ordentliche und reinliche Gesamtzustand.
All jene guten Geister im Hintergrund sollen wissen, dass wir die Sorgfalt gesehen und geschätzt haben!

Blick ins FieschertalAls Ziel einer ersten Umgebungserkundung wählten wir Fürgangen.
„Wir laufen den kürzesten Fußweg, es sind ja nur 360 Höhenmeter Unterschied.“
Zwar bewerkstelligten wir dank festem Schuhwerk den abschüssigen steinigen Pfad, obwohl er stellenweise durch feuchtes Laub tückisch glatt war. Doch glücklich unten angelangt, blickten wir respektvoll die Steigung hinauf und allein bei der Vorstellung, dort nun wieder hinaufkraxeln zu sollen, blieb uns die Puste weg.
„Lass uns die Seilbahn nehmen.“
Dankbar stiegen wir in das Luftgefährt und hatten bei diesem kleinen Ausflug schon unsere erste Schweiz-Lektion erhalten: Nie die Berge unterschätzen!

Ehe die Altvorderen mit dem Bau von Tunneln oder Luftseilbahnen begannen, bedurfte es einer Idee. Nachfolgende Generationen profitieren heute und künftig davon, dass jemand einen Traum hatte, der ihn nicht mehr losließ.
Von Dr. Bruno Spinners einstigem Traum – einem Künstleratelier in Bellwalds historischem Kirchenstadel – profitierten inzwischen zahlreiche Kunstschaffende.
Atelier bei SchneeWir sind dem Kanton Wallis und artbellwald.ch – besonders zu nennen Madelone Spinner und Dieter Wyden sowie Präsident Karl Salzgeber – dankbar, dass wir uns im Nov./Dez. 2018 einreihen durften und nun zu jenen gehören, die Bruno Spinners einstige Vision mit künstlerischem Leben erfüllten.

Bei unserer Suche nach Stille und dem Widerstand gegen die urbane Hektik durch die Heilkräfte der Natur brauchten wir uns nicht abmühen – wir befanden uns in Bellwald und Umgebung mitten darinnen!
Warum ein Gebäude, eine Landschaft, ein Platz das Herz berührt, kann nicht logisch erklärt werden. Die nach uns kommenden Kunstschaffenden werden ihre eigenen besonderen Orte finden.
SonneggaUnsere waren zunächst das über Ried im Hang stehende Haus „Sonnegga“ und das etwas entferntere, aber noch gut zu erwandernde Fiescher Hochtal.
An einem Dezembertag, genau gesagt an meinem Geburtstag, gönnten wir uns dann einen Ausflug nach Raron, besuchten Felsenkirche, Burgkirche und die Grabstätte von Rainer Maria Rilke. Als Dichterin war es mir ein besonderes Anliegen, dort innezuhalten – ein in seiner Bescheidenheit eindrücklicher Ort des beredten Schweigens.

Während der Adventszeit wurden wir von Freunden gefragt, ob wir nicht traurig wären, keinen Weihnachtsbaum zu haben.
Wir konnten sie beruhigen, denn es wuchs – vom Balkon der Künstlerwohnung aus zu sehen – eine hohe Fichte, an der Eiszapfen hingen. Lange, kurze, dicke, dünne, gerade und krumme, alle glitzerten durchscheinend silbrig in der Sonne.
LamettafädenDas gläserne Lametta zerrann im einsetzenden Regen. Immerhin, der Berg besann sich, dass am 24. Dezember doch alle auf eine weiße Pracht hofften!
So stand die Fichte am Weihnachtsabend umdekoriert in sturmweißem Pelzmantel, grüne Spitzchen ihres Dekolletés lugten noch hervor.Pelzmantel
Vielleicht beneidete sie die kleinen Gedrungenen mit den Goldkugeln und elektrischen Lichterketten?
Wir beneideten niemanden, zogen die Schneefichte in den Bergen jeglichem Spektakulum vor.
Stille Nacht. – Was hätten wir uns mehr wünschen können?

Die uns bewegende Vereinsgeschichte und der allzeit tatkräftige Beistand durch artbellwald.ch verdoppelten unsere Motivation, nicht nur fleißig an der Fortsetzung unseres Projektes weiterzuarbeiten, sondern zum Dank auch Bellwalds Bevölkerung bzw. Gästen Auszüge unserer literarischen und kompositorischen Werke zu präsentieren.
Für die Erlaubnis, dies in der Pfarrkirche tun zu dürfen, und für die hilfreiche Unterstützung danken wir der Kirchengemeinde Bellwald, insbesondere Herrn Pfarrer Bernhard Snyder und Sakristanin Lucia Jeiziner.

Dass die Zeit für uns Stillesuchende sich dem Ende zuneigte, kündigten schon vor unserer Abschlussveranstaltung Beschneiungsanlagen und Schneekanonen an. Die alljährliche Verwandlung vom Ort der Ruhe in einen beliebten Wintersportort setzte ein. In Chalets öffneten sich die Läden, immer mehr Lichter erhellten den Ort und Autokennzeichen aus allen Landesteilen der Schweiz, aus den Niederlanden und Deutschland waren plötzlich zu sehen.

Viel Schnee FiescherhochtalOb Skifahrer, Schneeschuhläufer und sonstige Sportbegeisterte sich für unsere kulturelle Darbietung interessieren würden?
Bevor wir dies erfahren konnten, galt es zunächst, mit unseren beiden Gastmusikern in Brig bzw. Bern zu proben.
War uns das Wetter bei der Tour gen Brig noch hold, graute uns nach tagelangen Schneefällen vor der Fahrt zur Kunsthochschule in Bern. Auf der stark vereisten Serpentinenstraße wären wir ohne Schneeketten nicht von Bellwald hinab ins Fieschertal gelangt.
Für Autofahrer und Fußgänger, die weniger Schnee und Eis erprobt sind als die Einheimischen, ist der Winter dort oben auf dem Berg eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Schneeketten für das Auto und gute Schuhspikes für sicheres Laufen mitzunehmen, möchten wir deshalb allen Kunstschaffenden empfehlen, die in der Winterzeit hierherkommen wollen.

Um es dem Publikum zu erleichtern, der Lyrik bzw. den surrealen Impressionen zu folgen (eine Lesung in Hochdeutsch wäre schließlich weder für Bellwalds Bewohner noch die Gäste aus der französischen oder italienischen Schweiz bzw. aus den Niederlanden die gewohnte Muttersprache), arbeiteten wir über eine Woche lang an einem Programmheft. Dort fanden sich neben meinen Texten auch Notenauszüge von Eva Batts Kompositionen und Fotos, die sie in der Umgebung aufgenommen hatte; Bilder mit besonderem Bezug zum Inhalt.

Seite aus ProgrammheftDass bei unserem Lesungs-Konzert die Pfarrkirche gut gefüllt war, freute uns natürlich sehr, doch würde unser Gesamtkunstwerk das Publikum auch erreichen und berühren?
Zunächst erläuterten wir die Form der interdisziplinären Zusammenarbeit unseres Duos TonSatz.
Dann überraschten wir zur Einstimmung unsere Gastgeber mit einer Hommage an Bellwald: Wir hatten uns jeweils die Aufgabe gestellt, unabhängig voneinander die Eindrücke unseres Ankommens literarisch bzw. musikalisch umzusetzen. Eva Batt in Form der musikalischen Impression Sonnegga, ich mit dem surrealen Kurztext Ankunft.

Anschließend brachten wir literarisch-musikalische Auszüge aus unserem aktuellen fortlaufenden Projekt Das Schweigen der Schatten zu Gehör.

Während bildende Künstler ihre Objekte vorzeigen können, hat eine Komponistin, die so vielseitige Instrumente einsetzt und stilistisch so weitgefächert bzw. im Crossover der Genres komponiert wie Eva Batt, ein praktisches Problem: Woher soll sie die vielen verschiedenen Musiker nehmen? Und selbst wenn diese wie von Zauberhand zur Verfügung gewesen wären, wie hätten sie die Werke in der kurzen Zeit angemessen einproben sollen? – Es war eine Unmöglichkeit!
Deshalb entschlossen wir uns als Kompromiss für eine Autorinnenlesung meiner Texte und Audiovorführungen der Kompositionen; gefolgt von der Uraufführung unseres lyrisch-musikalischen Werkes Wind strich eine Schattenmelodie gemeinsam mit den beiden Gastmusikern Paul Locher (Violine) und Shkodran Osmanaj (Kontrabass).
TonSatz und Gastmusiker
Bereits dieses eine komplexe Werk stellte sich als große Anforderung an die beiden engagierten und erfahrenen Musiker heraus.
Umso dankbarer waren wir, dass die Veranstaltung in Bellwalds Kirche stattfinden konnte, denn die dortige Akustik war hervorragend, sodass auch eine Audioaufführung ein Hörgenuss und ergreifendes Erlebnis war!
Von Herzen freuten wir uns über den abschließenden lang anhaltenden Applaus. Als schließlich gar Francesco Walter, Präsident des Kulturrates Kanton Wallis und Intendant des international renommierten Musikdorfes Ernen, uns beiden mit begeistertem „Bravo! Bravo!“ die Hände schüttelte, fühlten wir uns für alle vorangegangenen Mühen reichlich belohnt.

Den Abschluss des gelungenen Abends begingen wir in fröhlicher Runde mit Glühwein und Weihnachtsgebäck im Künstleratelier, wo das interessierte Publikum die Möglichkeit hatte, sich mit Writer bzw. Composer in Residence auszutauschen bzw. Fragen zu stellen.

BergblickNun galt es, sich von Bellwald, seinen Einwohnern und dem Verein artbellwald.ch zu verabschieden. Woran wir uns noch lange erinnern werden: die aufgeschlossenen Begegnungen mit den Menschen, die freundliche und tatkräftige Unterstützung insbesondere durch Madelone Spinner und Dieter Wyden, beeindruckende Ausblicke auf die Bergwelt, eine Zeit der Kontemplation und Konzentration auf unsere Arbeit. Bergwelt

Was wir ansonsten mit nach Hause nehmen?
Eine Schatzkiste gefüllt mit Inspirationen!

Wohin uns künftige Wege nun auch führen mögen, wir werden immer ein wenig Bellwald in uns tragen, tiefempfundene Eindrücke, die nach und nach in weitere literarische und musikalische Werke einfließen werden.

 

 

Siehe auch unseren Videobeitrag des Vortragsabends
(klick auf Foto)

Video Bellwald/Schweiz