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System Schizophrenie

Wer integer ist, bekennt Farbe.

„Auf welcher Seite stehst Du?“,
fragen die Spiegel.
Der Mann ohne Rückgrat reibt Saft einer Biozwiebel in die Augen
und weint grüne Tränen.
Darin ist er ebenso geübt wie im Brechen seiner Versprechungen.

Vor der Wahl: „Mit mir wird es kein Terminal 3 geben!“
Nach der Wahl: Fraport fällt 282 Hektar Wald.

2018 – Treburer Oberwald
Umweltschützer, ein Camp mit Zelten und Baumhäusern.
Demonstranten weggetragen, Baumbesetzer abgeführt.
Der Mann ohne Rückgrat schlug nicht selbst auf sie ein,
so wie er auch nicht selbst Baum für Baum absägte.
Er wusch seine Hände in Unschuld:

„Ich war immer dagegen.“

Die gleiche Rede wie damals:
„Die Entscheidungen sind in der Vergangenheit getroffen worden.“
Ausgetauscht nur: „Terminal 3“ gegen „A49“.
Den Treburer Oberwald haben viele längst vergessen.
Bis zur nächsten Wahl sollen Herrenwald und Dannenröder Forst
auch vergessen sein.

2020 – Herrenwald, Dannenröder Forst
Umweltschützer, ein Camp mit Zelten und Baumhäusern.
Demonstranten weggetragen, Baumbesetzer abgeführt.
Der Mann ohne Rückgrat schlägt nicht selbst auf sie ein,
so wie er auch nicht selbst Baum für Baum absägt.
Er wäscht seine Hände in Unschuld:

„Ich war immer dagegen.“

Niemand weint so grüne Tränen, wie er!

© Christiane Schwarze

 

  • Christiane Schwarze schrieb ihr Gedicht als Solidaritätsbeitrag für das Aktionsbündnis "Keine A49" für die Protestkundgebungen zur Rettung des Herrenwaldes und des Dannenröder Forstes am 3./4. Oktober 2020.

    In diesem Gedicht zeigt die Autorin Parallelen zwischen dem vielleicht in Vergessenheit geratenen gebrochenen grünen Wahlversprechen 2018 (Flughafenausbau Terminal 3), der daraus folgenden Waldrodung und der jetzigen Rodung im Herrenwald/Dannenröder Forst auf.
    Die aktuelle Situation ist mitnichten ein Einzelfall, sondern hat anscheinend System.

  • In Hessen (Vogelsbergkreis bei Homberg/Ohm) sollen Teile des wertvollen artenreichen Dannenröder Forstes (und des Herrenwaldes) gefällt werden. Inzwischen wurde mit den Rodungsarbeiten begonnen und das, obwohl die geplante A49 durch ein Trinkwasserschutzgebiet führen wird.
    Unter Mitwirkung eines GRÜNEN Verkehrsministers soll also ein teilweise über 250 Jahre alter gesunder Mischwald für den Autobahnbau geopfert werden  obwohl gerade in Hessen im Zuge des Klimawandels ansonsten der Zustand der Wälder so schlecht ist, dass selbst der Hessische Ministerpräsident (CDU) die Bürger dazu aufgerufen hat mitzuhelfen, durch Spenden bzw. Pflanzaktionen die hessischen Wälder wieder aufzuforsten!

  • Zu lesen am
    "Besonders bestürzend ist, dass auch die sich selbst als Klimaschutzpartei verstehenden Grünen für den Bau der Autobahn verantwortlich sind und die Zerstörung von Natur für ein Verkehrsprojekt der Vergangenheit scheinbar billigend in Kauf nehmen", heißt es in einem offenen Brief des bundesweiten Bündnisses Wald statt Asphalt. Ähnlich äußerte sich Fridays-For-Future-Aktivistin Luisa Neubauer. "Ich kann nicht glauben, dass wir im Jahr 2020 ernsthaft Ökosysteme gegen Rodungsaufträge einer Schwarz-*Grünen* Regierung verteidigen müssen. Was ein Wahnsinn", twitterte sie.

  • Entgegen der Behauptung, die hessischen Landesgrünen seien stets nur gezwungen gewesen Bundesrecht umzusetzen und hätten den Weiterbau der A49 nie selbst aktiv mitbefördert, kann man das Gegenteil in einem von CDU und hessischen Landtags-Grünen 2014 gemeinsam unterzeichneten Eilantrag betreffend des Weiterbaues der A49 nachlesen:
    „Dringlicher Antrag der Fraktionen der CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN betreffend Fertigstellung der A 49“
    http://starweb.hessen.de/cache/DRS/19/0/00700.pdf

  • Siehe auch das Gedicht Hessische Verkehrswende, das u.a. erschienen ist in der Informationsbroschüre des Aktionsbündnisses "Keine A49" und BUND Hessen
  • Weitere Gedichte (auch politische) im neuen Lyrikband | Das Schweigen der Schatten – Mosaik einer Suche
    © 2020 Baltrum Verlag, Haßloch/Deutschland. [ISBN 978-3-752952-66-7]